WAZ. 21.11.2005

Dramaturgie als Lotterie

Zum 40. Geburtstag bringt das Kleine Theater am Gänsemarkt eine Neuinszenierung von Becketts "Warten auf Godot"

Dramaturgie als Lotterie, oder zufällig fällt das Ende in die Mitte. So kann man den ebenso ungewöhnlichen wie mutigen Zugriff des jungen Regisseurs Mirko Schombert beschreiben, der zum 40. Geburtstag des Kleinen Theaters Becketts Klassiker "Warten auf Godot" im wahrsten Sinne des Wortes durchmischte. Schombert, als Gastregisseur von der Volksbühne an den Gänsemarkt verpflichtet, zerlegt das 1952 uraufgeführte Stück in 15 übersichtliche Szenen und lässt diese von den beiden Figuren Lucky und Pozzo zu schmissigen Synthesizerklängen immer neu durchmischen. Die Atmosphäre erinnert an die Ziehung der Lottozahlen, das Bühnenbild mit seinen sich füllenden Rechtecken an Fernsehshows wie "Der große Preis". Premierenfieber gibt es so bei jeder Aufführung, denn auch die Protagonisten erfahren erst im Laufe des Spiels, welche Szene gespielt wird. Das Experiment geht auf, auch wenn dabei die Hinfälligkeit der Figuren, die Beckett gegen Ende zeigt, bei Schombert durchaus schon mal zu Beginn der Aufführung für ein gefährlich enges Menschenknäuel auf der winzigen Bühne sorgt. Denn auch in der Vorlage gibt es keine lineare Handlung. Die Straße, auf der Wladimir und Estragon vergeblich auf Godot warten, hat ohnehin nichts mit Fortkommen zu tun. Clownerie , Tanz oder Gesang können über die Leere der Beckettschen Existenzen nicht hinweg täuschen. Alles scheint austauschbar – wie die bunt gemischten Szenen dieser Produktion. Mit Lothar Maier und Michael Borde als Wladimir und Estragon stehen sich zwei ebenso unterschiedliche wie individuelle Charaktere als Ich und Anti-Ich gegenüber, die vor Spielfreude förmlich zu bersten scheinen, obgleich ihnen das Stück natürlich kein Fortkommen beschert und die immer wieder drohende Trennung des ungleichen Paares erfolglos bleibt. Dem gegenüber sind Pozzo (als Gast: Frieder Kronfeld) und der von ihm gequälte Lucky (Ronny Mazurek) die Vertreter der Gegensätze. Herr und Knecht als Synonyme der Endlichkeit, die sich durch Blindheit des einen und Stummheit des anderen dramatisch andeuten.

Dirk Aschendorf