Stadtspiegel vom 12.04.2006

"Die Hölle, das sind die anderen"

Premiere: Jean-Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft" am Gänsemarkt

Jean-Paul Sartre hatte seine ganz eigene Vorstellung von der Hölle: In dem Bühnenstück "Geschlossene Gesellschaft" brachte er diese zu Papier und das Kleine Theater, Gänsemarkt 42, bringt sie derzeit in einer gelungenen Inszenierung von Regisseur Ingo Scheuer (Assistenz Daniela Hesse) in Rot und Schwarz auf die Bühne.

Die geschlossene Gesellschaft sind Garcin, Ines und Estelle. Alle drei sind gerade in der Hölle angekommen – und teilen sich einen Raum. Während sich der Höllendiener (herrlich eiskalt: Bernd Henning) noch darüber wundert, dass alle immer Spieße und loderndes Feuer erwarten, dämmert den Dreien in ihrer eindeutig abgeschlossen, eigenen Gesellschaft langsam, das ihr "gemütliches Beisammensein" eindeutig die Hölle ist. Der Zuschauer erfährt nach und nach die guten Gründe fürs Höllendasein von allen, erlebt die intelligente aber gemeine Ines (wunderbar überlegen: Petra Broszeit) als erste durchschaut, was sie an diesem Ort zusammengebracht hat. Während Estelle (überzeugend nervig und naiv: Barbara Winter) und Garcin (am besten, wenn seine "Arme bis zu den Ellenbogen in den Ohren stecken": Ingo Scheuer) noch versuchen, sich im wahrsten Sinne des Wortes mehr als zusammen zu raufen, weiß Ines längst, dass es diesen Ausweg nicht gibt: "Die Hölle, das sind die anderen."

Und Sartre hat sicher nichts dagegen, wenn man diesen Satz ins Diesseits überträgt, solange man dann an der weltlichen Hölle etwas ändert.

Von Silke Heidenblut

 

WAZ vom 12.04.2006

"Die Hölle, das sind die anderen"

Kleines Theater am Gänsemarkt zeigt Jean-Paul Sartres Schauspiel "Geschlossene Gesellschaft". Drei Verdammte schmoren in ewig erleuchteter Folterkammer und sind sich gegenseitig Qual genug.

So haben sie sich die Hölle wohl nicht vorgestellt: In Jean-Paul Sartres Schauspiel "Geschlossene Gesellschaft" entdecken drei Verdammte, dass sie zu ihren eigenen Folterknechten bestimmt sind. Der Klassiker läuft zurzeit im Kleinen Theater am Gänsemarkt, atmosphärisch dicht inszeniert von Ingo Scheuer.

Keinen leichten Stoff hat sich der Regisseur, der gleichzeitig den in der Hölle schmorenden Journalisten Garcin mimt, da ausgesucht: Sartres Stück steht und fällt mit den Beziehungen der Figuren untereinander. Petra Broszeit überzeugt als lesbische Ines, die den nach Anerkennung dürstenden Garcin eiskalt abblitzen lässt. Mit bemerkenswerter Bühnenpräsenz dominiert sie das Geschehen in dem schwarz abgehängten, doch immer gleißend hellem Zimmer, in dem es weder Fenster noch Türen gibt. Das an sich ist schon eine Qual für die verwöhnte Estelle, deren Arroganz Barbara Winter vielleicht ein wenig überzieht. Auch Estelle hat schließlich Dreck am Stecken, kann die Augen vor ihrem wahren Ich nicht verschließen. "Wir sind unter uns Mördern", bemerkt Ines so treffend. Jeder der drei hat mindestens ein Menschenleben auf dem Gewissen und verzehrt sich nun ausgerechnet an demjenigen, den er nicht haben kann: Ines will Estelle, die wirft sich Garcin an die Brust, er wiederum wirbt um Ines Gunst. Die Qualen, die sich die Protagonisten einander zufügen, sind keinesfalls willkürlich gewählt, sondern haben unmittelbar mit ihren früheren Sünden zutun: Estelle wird benutzt, Garcin nicht respektiert, Ines fremdkontrolliert. Scheuer hätte diese Bezüge deutlicher machen können, doch wird die Essenz des Stückes klar: "Die Hölle, das sind die anderen." Gelungen indes das Setting. Die enge, erdrückende Atmosphäre des Höllenraumes beschränkt sich nicht auf die vorteilhaft kleine Bühne, sondern erfasst den Zuschauerraum gleich mit. Präzise setzt Scheuer rötliches Dämmerlicht ein, wenn die Akteure in Erinnerungen abschweifen. In der Gegenwart jedoch, in der die Verdammten auf die Reaktionen der anderen angewiesen sind, bleibt es ewig hell.

Von Sonja Mersch