WAZ / NRZ Essen - 08.10.2016

 

"Adolphe" sorgt für einen bissigen Schlagabtausch

Dass es auch hinter der schönsten Fassade kräftig bröckeln kann, zeigt das Kleine Theater Essen am Gänsemarkt in seiner neuen Produktion: „Der Vorname“. Das gut aufgelegte Ensemble transportiert den Geist der hintersinnigen französischen Komödie von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière über die Abgründe vermeintlich liberaler Freunde und Verwandte perfekt.

Es ist eine beliebte Frage, wenn Freunde in freudiger Erwartung zu Gast sind: „Wisst ihr schon, wie euer Kind heißen soll?“ Diese Frage bekommt auch der Immobilienmakler Jean gestellt, als er bei seiner Schwester Babou, einer Lehrerin und deren Gatten, dem Literatur-Professor Pierre, zu Gast ist. Ebenfalls geladen ist Babous bester Freund, der Musiker Claude. Während sich Jeans schwangere Frau Anna verspätet, lässt Jean die Bombe platzen: Ihr Sohn soll Adolphe heißen, nach dem Helden des gleichnamigen Romans von Benjamin Constant. Die Runde, insbesondere Pierre, reagiert jedoch entsetzt: Sehen sie weniger den literarischen Bezug als den zum Diktatoren und Massenmörder Adolf Hitler. Dominiert anfangs noch die philosophisch-historische Dimension in dem Streitgespräch, so wird schnell die persönliche Ebene erreicht. Ärgernisse über Eigenheiten und Charakterzüge kommen bei dem Schlagabtausch zu Tage, bis ein bisher gut gehütetes Geheimnis plötzlich offenbart wird und die Freundschaft vollends in Frage stellt.

Scharfzüngige Wortgefechte

Das Autorenduo hinterfragt mit seiner bissigen Dialog-Komödie bürgerliche Fassaden. Was liberal und generös erscheint, wird in scharfzüngigen Wortgefechten als kleinkariert und egoistisch enttarnt. Monika Pischners Inszenierung arbeitet die Stärken des Textes mit Hilfe ihres gut aufspielenden Amateur-Ensembles fein heraus. Sympathieträger gibt es dabei nicht, bei jedem tritt irgendwann die dunkle Seite hervor. Nicht unschuldig daran ist Jean, der leidenschaftlich gern provoziert– aber schmallippig reagiert, wenn der Wind sich zu seinen Ungunsten dreht. Sebastian Gudspeet meistert den Balanceakt zwischen Selbstverliebtheit und Unsicherheit perfekt. Ingo Scheuer als Counterpart Pierre weiß, wie er den vermeintlich gelassenen Intellektuellen die Contenance verlieren lässt, ebenso wie Babett Arnolds Babou vom Hausmütterchen zur Furie mutiert. Scheinbare Ruhepole in der Runde sind der gutmütige Claude (Dirk Czora-Schröder) und die um Ausgleich bemühte Anna (Jennifer Wendtland).

von Gordon K. Strahl

 

Stadtspiegel Essen - 12.10.2016

 

Böser Scherz – Beste Unterhaltung!

Theaterkritik: „Der Vorname“ läuft im „Kleinen Theater“

Sie sind zurück, die Sommerpause des Ensembles von „Das Kleine Theater Essen“, Gänsemarkt 42, ist vorbei. Zurück meldet sich die kleine Bühne in der Innenstadt mit einem echten Kracher: „Der Vorname“ bietet beste Unterhaltung, regt aber auch zum Nachdenken an. Ein brillanter Theaterabend, den Monika Pischner für das Traditionshaus inszeniert hat.

Ein Abend mit der Familie. Herrlich! Das denkt sich auch Elisabeth Garrault-Larchet (Iris Kölsch), die emsig ein marokkanisches Buffet vorbereitet. In die Quere kommt ihr immer wieder ihr Angetrauter Pierre (Marc Timme), der die Kellerschlüssel sucht. Zum Dinner sind Elisabeths Bruder Jean (Dirk Czora-Schröder), seine Frau Anna (Jennifer Wendlandt) und Claude Gatignol (Sebastian Gudspeet), Musiker und ein enger Freund der Familie, eingeladen. Nach und nach trudeln die Gäste ein, bis auf Anna, die hochschwanger noch in einem Meeting sitzt. Jean präsentiert die neuesten Ultraschallbilder und verkündet, bald Vater eines Stammhalters zu sein. Wie er heißen soll? „Adolphe“, schmunzelt Jean und tritt damit eine Lawine los. „Sein Kind Adolf zu nennen, das ist total naiv oder reine Provokation“, schimpft Pierre. Doch Jean findet immer mehr Gefallen an der wilden Diskussion, gibt sich dann aber als die Stimmung ihren Siedepunkt erreicht, „geschlagen“. „Du hast mich überzeugt“, raunt er Pierre zu. „Ich werde mein Kind keineswegs Adolphe nennen.“ Friede, Freude, Eierkuchen? Nein!

Jean treibt es auf die Spitze, tendiert jetzt zur deutschen Form mit „f“. Als seine Angetraute endlich zur Gruppe dazu stößt, eskaliert die Situation vollends. Pierre hat sich nicht mehr im Griff, Anna kontert und plötzlich geht es längst nicht mehr um den Babynamen, sondern all das, was man des lieben Friedens willen eigentlich nie sagt. Etwa, dass man die Namen von Nichte und Neffe lächerlich findet, oder das der Ehemann mehr als einen Grund zur Entschuldigung hätte. Auch Geheimnisse kommen auf den Tisch und sogar ein Mord wird gestanden.

Turbulenter wird es von Minute zu Minute in der Schauspiel-Komödie, mit der Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière einen Überraschungshit in der Pariser Spielzeit 2010/2011 landeten.

„Der Vorname“ ist eine grandiose Gesellschaftskomödie, die eben auch zum Nachdenken anregt. Wie oft hält man die eigene Meinung zurück? Wie viele brisante Details verbirgt die eigene Familiengeschichte? Zusehen macht im Kleinen Theater einfach großen Spaß, denn die fünf Mimen auf der Bühne übertreffen sich in jeder neuen Szene selbst. Ihr grandioses, emotionales Spiel zeigt: Hier stehen „alte Hasen“ auf der Bühne, die einfach Spaß haben und sich so richtig austoben – mal laut, mal leise. Einen besseren Saisonstart kann’s kaum geben und natürlich erhält das Kind am Ende einen Namen! Welchen? Am kommenden Freitag, 14, Oktober, sowie am 5. Und 25. November und 3. Und 16. Dezember kann man jeweils um 20 Uhr kräftig mitraten und sich bestens unterhalten lassen. Karten-Te.: 0201-52 098 52.

von Mareike Schulz