WAZ / NRZ Essen - 06.10.2014

 

Kleines Theater serviert packende Charakterstudie

Kein Agatha-Christie-Krimi im üblichen Sinne ist „Das Urteil“: Vielleicht deshalb ist es 1958 bei seiner Londoner Uraufführung vom Publikum böse abgestraft worden. Die Zuschauer im ausverkauften Essener Kleinen Theater am Gänsemarkt dagegen haben das Potenzial des Schauspiels, das mehr Psychodrama als Krimi ist, erkannt und belohnten das grandiose Ensemble bei der Premiere am vergangenen Freitag mit minutenlangem Applaus.

Agatha Christie, die zu den meist gelesenen Autorinnen der Welt gehört, gilt als Meisterin des „Whodunnit“, was auf Deutsch so viel bedeutet wie „Wer war’s“. Bei „Das Urteil“ ist vieles anders: Zwar gibt es auch hier einen Mord – doch geschieht er auf offener Bühne. Und wichtiger als die Frage, wer ihn begangen hat, ist die Frage: Wie geht man damit um?

Im Zentrum des Geschehens steht der Professor Karl Hendryk. Er lehrt an der Uni und fördert besonders talentierte Studenten – sogar mit Einzelunterricht. Seine Frau Anya ist an Multipler Sklerose und einer Depression erkrankt. Mit Hilfe ihrer Cousine Lisa kümmert sich Hendryk aufopferungsvoll um Anya. Doch Lisa hegt heimlich Gefühle für Karl – und auch die Studentin Helen will mehr als nur Nachhilfe. Als Karl schließlich seine Frau mit einer Überdosis tot auffindet, muss er sich fragen: Trägt er eine Mitschuld?

Agatha Christie ist hier ein clever konstruiertes Stück mit überraschenden Wendungen und starken Charakteren gelungen. Und diese weiß das Amateurensemble im Kleinen Theater mit Leben zu füllen: Regisseurin Petra Broszeit hat ein glückliches Händchen bei der Besetzung bewiesen. Allen voran Norbert Lauter, der Karl Henryk als entschlossenen, moralisch gefestigten Mann porträtiert, an dem dennoch leise Zweifel nagen. Ihm steht Jennifer Wendlandt als aufopferungsvolle Lisa, die zwischen der Liebe zur Cousine und unerfüllter Sehnsucht zu Karl hin- und hergerissen ist, in nichts nach. Doch auch Laura Wobbe als die verwöhnt-arrogante Studentin Helen, Ingo Scheuer als deren eingebildeter wie einflussreicher Vater und Stefanie Brosch als die darbende Anya überzeugen. Viel Applaus erntet zudem Sandra Bienko die die nervige Haushälterin Mrs. Roper mit sympathischen Zügen auszustatten weiß.

So sollte das Publikum kein vorschnelles Urteil über „Das Urteil“ fällen. Denn das Kleine Theater serviert hier mit viel Mut und Engagement eine spannende Charakterstudie, die nicht zuletzt auch aufgrund der starken Darsteller packt.

von Gordon K. Strahl