WAZ / NRZ Essen - 09.10.2017

 

Krimi überrascht mit unterschiedlichen Enden

Ein "Mörderischer Unfall" im Theater am Gänsemarkt: Unkonventioneller Abend mit Charakterrollen

Nein. mit einem Mord beginnt er nicht, der neue Krimi auf der Bühne des Kleinen Theaters am Gänsemarkt. Dafür aber mit einem Autoren-Team, das ungleicher nicht sein könnte: Harold, ehemaliger Finanzberater, und Paul, versoffener Lebemann, schreiben höchst erfolgreich Kriminalgeschichten für das Fernsehen. Während Harold seinen Anteil der Tantiemen in ein Luxusappartement am Meer investiert hat, fällt Pauls Einkommen größtenteils den Buchmachern zum Opfer. Mit diesen beiden Charakterrollen legt Regisseur Sebastian Gudspeet den Grundstein für einen äußerst vergnüglichen, bisweilen auch britisch-schwarzen und nicht zuletzt dramatischen Kammerspielabend, in dem eine automatische Balkontür eine tragende Rolle spielt.

Anders als in vergleichbaren Stücken ist der "Mörderische Unfall" jedoch kaum vorhersehbar - immer wieder gibt es neue Wendungen, und das Ende kann gleich in doppelter Weise für Überraschung sorgen: Denn das Stück wird mit zwei Besetzungen und je nach Personal mit unterschiedlichen Enden gespielt. Dass Gudspeets Inszenierung Genre-Klischees weitgehend vermeidet, zeigt sich auch darin, dass eben kein Kommissar mit Trenchcoat und Baskenmütze auftritt, um den Fall durch detektivischen Spürsinn zu lösen. Und das braucht es auch gar nicht, denn die Krimiautoren Paul und Harold sind gleichzeitig Ermittler, Tatverdächtige und Zeugen. Nicht zuletzt haben beide ein Motiv, den jeweils anderen unter die Erde zu bringen. Und aus zahlreichen gemeinsam verfassten Krimis müssten sie egentlich auch wssen, wie er sich anstellen lässt, der perfekte Mord - oder doch nicht?

Im skurrilen, immer erbitterteren Wechselspiel sticht immer wieder Micael Busseck heraus, der die Rolle des verkannten Genies und Alkoholikers bis ins kleinste Detail verkörpert. Für Schauder im Publikum sorgt auch Alexander Ullmann mit der Darstellung eines Polizisten, der nicht nur durch seinen russischen Akzent und seinen stechenden Blick Misstrauen schürt. Was hat es nur mit ihm auf sich? Dass diese und andere Fragen in der Pause wild spekuliert werden und der Gong zur zweiten Hälfte die Besucher aus angeregt geführten Diskussionen zum Ausgang des Stücks reißt, zeigt, dass die Theatermacher am Gänsemarkt ihr Publikum mitreißen können.

von Marvin Droste

 

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Stadtspiegel Essen - 04.10.2017

 

Wer anderen eine Grube gräbt...

Kleines Theater startet rasant in die neue Spielzeit

Zehn Jahre lang schreiben die Autoren Harold Kent und Paul Riggs gemeinsam Theaterstücke und Drehbücher für Filme und Serien. Zehn Jahre lang, da kommt man sich auch im Privatleben näher. Doch wenn es nach Harold geht, ist mit der beruflichen Partnerschaft nun Schluss. Denn Paul liefert zwar die Ideen, die Arbeit bleibt aber an ihm hängen. Mit seiner Frau Emma nimmt er sich eine Auszeit, reist in die USA. Doch vor der Abfahrt setzt er eine mörderische (Drehbuch-) Idee seines Partners, der für ihn mittlerweile nur noch „ein versoffener Egoist“ ist, der nun auch noch zum Erpresser mutiert sei, in die Realität um.

Sebastian Gudspeet schenkte dem Kleinen Theater Essen am Samstag mit seiner ersten Regiearbeit für die Essener Traditionsbühne am Gänsemarkt 42 einen mörderischen und fulminanten Saisonauftakt. „Ein mörderischer Unfall“ ist ein unterhaltsamer Thriller, der dem spielfreudigen Ensemble des Hauses wie auf den Leib geschrieben ist.

Zwar träumt die Hauptfigur Harold Kent davon, noch einmal ein so erfolgreiches Theaterstück wie „Die Mausefalle“ zu schreiben, die übrigens auch im Kleinen Theater viele Jahre ein Dauerbrenner war, doch aktuell feiern die beiden Autoren eher Erfolge für TV-Serien wie „Soko Soho“ oder Filme wie „Im Nachthemd über die Alpen“. Paul hat früh erkannt, dass er seine brillanten Ideen nicht ohne ein fleißiges Bienchen wie Harold Kent zu Papier bringt und hat trotz großer Liebe zu Alkohol und Frauen vorgebaut und viele Druckmittel gesammelt, mit denen er Harold nicht so einfach aus der für ihn fruchtbaren Partnerschaft entlässt. Ein Katz und Maus-Spiel beginnt und beide graben sich gegenseitig Gruben. Aber wie heißt es so schön? Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein? Das müssen beide leidvoll erfahren, denn am Ende schnappt die Mausefalle zu.

Stephan Pfeiffer schlüpft in die Rolle des Harold Kent und mimt den besonnenen Autor, der über Leichen geht, bravourös. Michael Busseck spielt den anderen Part des Autorenduos, Paul Riggs, temporeich wie man ihn kennt, schafft es diesmal aber Szene für Szene sogar noch über sich herauszuwachsen. Sein Spiel, seine Mimik und vor allem sein Körpereinsatz begeistern das Publikum und sorgen für tosenden Premierenapplaus. Anne Heyen als Emma Kent und Alexander Ullmann als Inspektor Egan/Martin Whittaker besetzen die Nebenfiguren der mörderischen Intrige, begeistern aber mit ihrer Darstellung und tragen zur meisterhaften Gesamtleistung des vierköpfigen Ensembles maßgeblich bei. „Ein mörderischer Unfall“ hat die richtige Mischung aus Unterhaltung und Spannung mit einer gehörigen Portion Komik, das in der rundum passenden Inszenierung von Gudspeet sicherlich zum Dauerbrenner im Programm des Kleinen Theaters wird.

von Mareike Schulz