WAZ 12.09.01

Keine Spur von Reue im Kleinen Theater

 

Komödie oder Krimi? Regisseur Helmut Gahmann hat das Stück Keine Spur von Reue von Aldo Nicolaj für das Kleine Theater so inszeniert, dass die Frage offen bleibt. Und so erlebte das begeisterte Publikum die Premiere einer etwas seltsamen Komödie.

 

Glück ist, eine Mutter zu haben, die mit 80 Jahren geistig immer noch topfit ist. Oder ist dies vielleicht eher ein Unglück? Monika Pischner hat als Elsa jedenfalls ihre liebe Not mit ihrer ziemlich ausgefuchsten Mutter Olga. Zuckersüß um Liebe und Aufmerksamkeit bettelnd, lässt die alte Dame (Margareta Waterkamp) jedoch keine Gelegenheit aus, ihr kleines Mädchen mit Worten zu attackieren. Mit diesem ganz eigenen, enorm bissigen Mutterwitz spielt sich Margareta Waterkamp sofort in die Herzen der Zuschauer.

 

Der Kampf der Generationen tobt in dem Drei-Frauen-Stück besonders heftig. Die junge Iris (Miriam Raether) steht als Tochter des Portiers zwischen den Stühlen. Als Halbwaise glaubt sie, dass es ein Segen sein muss, eine Mutter zu haben und verteilt ihre Zuwendung gleichermaßen an Mutter und Tochter. Nach und nach erst erkennt sie, wie be- und erdrückend Mutterliebe sein kann. Während Iris am Ende zu einem eindeutigen Gefühl in der Lage ist, befindet sich der Zuschauer ständig im Konflikt. Wem soll er seine Symphatien geben, für wen soll er Mitgefühl empfinden? Der alten Dame, die ihre Angst hinter Grobheiten versteckt? Oder der Elsa, die zu gut ist für die Welt und viel zu weich, um aus Ausbruchsversuchen einen Ausbruch werden zu lassen. Eben dieser Konflikt aber ist das Elixier dieser etwas seltsamen Komödie, zu der Michael Borde die passende Musik gemacht hat. Das Können der Schauspielerinnen zeigt sich darin, dass die Unsicherheit beim Zuschauer bis zuletzt bestehen bleibt. Und darin wiederum kommt das Stück der Realität sehr nahe.

 

Annette Hinze

 

NRZ 17.09.2001

 

"Miss Marple" mit Krückstock

 

Mit einer "seltsamen Komödie" von Aldo Nicolaj startete das Kleine Theater am Gänsemarkt die neue Spielzeit. "Keine Spur von Reue" zeigt das Ensemble nach einigen Startschwierigkeiten. Die "10 Tonnen Steine, die mir grad von der Seele gefallen sind", waren Regisseur und Theaterbesitzer Helmut Gahmann deutlich anzumerken, als er am Freitag in seinem Kleinen Theater am Gänsemarkt den Premierenapplaus genoss. Erst hatte ein Wasserrohrbruch die Garderobe überflutet und eine Woche früher als geplant die Sommerpause eingeläutet. Dann brach ein weiteres Rohr, so dass "Keine Spur von Reue" die neue Spielzeit erst mit einer Woche Verspätung eröffnen konnte. Zudem lag der Termin in einer Woche, in der den Menschen der Sinn nicht unbedingt nach seichter Komödie stand. Dennoch, die Premierengäste haben sich - Applaus und Stimmung zufolge - bestens amüsiert. Wohl auch, weil "Keine Spur von Treue" kein Schenkelklopfer-Lustspiel ist, sondern eben eine "seltsame Komödie", wie Gahmann Aldo Nicolajs Stück im Programm beschreibt. Ein bisschen schallendes Gelächter, etwas Mitgefühl und dazwischen ein klitzekleines Stückchen Spannung. Alles dreht sich um Olga (Margareta Waterkamp), die senile Mutter von Elsa (Monika Pischner). Aufopfernd kümmert sich die Tochter, die ihre "besten Jahre" bereits hinter sich hat, um die Frau Mama. Doch dann droht ein Mann in Elsas Leben, die vertrauen Bande aufzulösen. Da wird die alte Dame zur Intrigantin. Nein, die eher träge Handlung ist es nicht, die "Keine Spur von Reue" zum netten Theaterabend macht. Das Spiel zwischen den Figuren macht die Komödie unterhaltsam. Die Tochter liebt die Mutter, die Mutter aber ist egoistisch und will die Tochter nur an sich binden. Dazwischen steht noch die Nachbarin mit guten Ratschlägen - Szenen, wie sie in den besten Familien vorkommen. Und dazu die herrliche "Olga", die in ihrem Sessel eine wunderbare Mischung aus Miss Marple und Rotkäppchens Großmutter verkörpert, um das Publikum am Ende ohne eine Spur von Reue aus dem Theater zu entlassen.

 

Thomas Rücker