WAZ - 16.09.02

Ein Patient kämpft um seine Identität

"Kennen Sie die Milchstrasse" im Kleinen Theater

Wahrlich keine leichte Kost ist das neue Stück im Kleinen Theater am Gänsemarkt. Zur erklärten Komödie wird Karl Wittlingers "Kennen Sie die Milchstrasse" in der Inszenierung von Helmut Gahmann erst in der letzten Szene. Das Publikum nahm die Premiere am Wochenende mit viel Beifall auf.

 

Am Ende bleibt am erstaunt und auch etwas benommen zurück. Erstaunt über Michael Borde und auch über Margareta Waterkamp, die hier alle Register ihres Könnens ziehen, benommen von der ernormen Vielschichtigkeit des Dramas. Ein Spiel im Spiel muss der Zuschauer verarbeiten. Die vielen, feinen Nuancen, die Stimmungen der einzelnen Szenen, die schauspielerische Leistung - all dies möchte man am liebsten noch einmal sehen, damit es richtig sitzt.

 

Der Reihe nach: Ein Patient in einer Nervenklinik (Michael Borde) überredet seine Ärztin Dr. Neurose (Margareta Waterkamp), sein Leben in Ausschnitten und Erzählungen als Theaterstück vorzuspielen. "Denn nur wenn man eine Person spielen kann, kann man sie auch verstehen", heißt es. Das Leben des Patienten entpuppt sich als ein Kampf um seine Identität. Als Kriegheimkehrer existiert er statistisch nicht mehr, wurde für tot erklärt. Wer ist er dann? Ein ganz anderer mit neuem Namen oder kommt er gar von einem anderen Stern? Margareta Waterkamp ist nicht länger die Ärztin. Sie wird zum vielseitigen Gegenüber, mal bayrische Amtsstubenleiterin, mal Barfrau aus dem Ruhrpott. Und als solche ist sie die verkörperte Gesellschaftskritik. Michael Borde vermittelt als erstaunlich klarer Patient in diesem Irrsinn zwischen den Spielebenen. Er ist zugleich Conferencier und Figur. Und was für eine Figur. Er ist der Heimkehrer, der verzweifelnd Suchende und zum Schluss ein irrer Professor. Er ist bestürzt mit extrem lauter Rede und ergötzt mit urkomischem Talent.

 

Als Zwei-Personen-Stück verliert "Kennen Sie die Milchstrasse" nie an Spannung. Im Gegenteil: Das Spiel hat Tempo, eineinhalb Stunden vergehen wie im Flug. Am Ende ist man sich nicht sicher, was man gesehen hat. Drama oder Komödie? Auf eine Weise. beides zusammen.

 

Annette Hinze

 

 

NRZ - 16.09.02

 

Das Stück im Stück im Irrenhaus

Zum Auftakt der neuen Spielzeit fragt das Kleine Theater am Gänsemarkt: "Kennen Sie die Milchstrasse?" Und zieht dem Publikum den Boden unter den Füssen weg. Bild für Bild.

 

Helmut Gahmann hat das richtige Stück inszeniert: "Ich mag es nicht, wenn das Ende absehbar ist", sagte der Vater des Kleinen Theaters am Wochenende. Und tatsächlich ist es ihm gelungen, seine Premierengäste mit dem Spielzeitauftakt "Kennen Sie die Milchstrasse?" gründlich zu verwirren. Die Stück-im-Stück-im-Irrenhaus Geschichte zieht dem Zuschauer  Bild für Bild den den Boden weg, lässt ihn immer mehr verschwimmen: Was ist denn hier noch Realität? Oder gibt es die gar nicht?

 

Die Irrenärztin Dr. Neurose (Margareta Waterkamp) plagt sich mit einem Patienten (Michale Borde) herum, der sprichwörtlich von einem anderen Stern zu kommen scheint. Er will sie mitnehmen, zumindest auf eine Theaterreise, und bringt mit ihr sein eigenes Manuskript auf die Anstaltsbühne. Klar, dass er dabei weit die Augen aufreißt, wild mit den Brauen zuckt und irre glotzt. Schließlich will die ganz Welt ihm weismachen, er sei längst einen "gemeinnützigen Tod" gestorben. Mithin gar nicht vorhanden - oder zumindest nicht als der, der er ist. Klar auch, dass bei dem Verwirrspiel die leeren Kannen in der Milchstrasse klappern. Doch Gahmann hält sich mit schenkelklopfendem Witz angenehm zurück und gönnt seiner wahnwitzigen Geschichte stattdessen Melancholie. Und tappt dennoch nicht in die Wehmutsfalle: Eigentlich sind die normalen die Verrückten.

 

Das Konstrukt der aufgeführten Aufführung erlaubt es Margareta Waterkamp durch die Charaktere zu springen. Mal ist sie bayrisch-aufrechte Amts-, mal Geschäftsdame; dann lüstern ruhrpottelnde Madame Santana, ausgestattet mit Glitzerbrille und buchstäblich ellenlanger Zigarettenspitze, rauchig in der ganzen Erscheinung. Und jeden Augenblick zurrt sie die Welt auf der Bühne enger. Eine Welt des mit Formularen übergeregelten Lebens und Sterbens.

 

Befreien will sich der identitätslose Patient und bekommt doch nur weitere Namen und Dokumente. Bis die Grenze zum debil sabbernden Wahnsinn endgültig eingerissen ist (teils urkomisch: Michael Borde), Manuskripte mit dem Stethoskop abgehört werden und das Publikum mit scheinbaren Erklärungen in die Nacht geschickt wird.

 

Christian Rabhansl