WAZ / NRZ Essen - 09.01.2012

 

Wenn die Leiche plötzlich lebt

Krimifans wissen spätestens seit Miss Marple: Frauen im mittleren Alter sind begnadete Kriminalistinnen. Dass diese die Profis auch mal richtig zur Weißglut bringen können, stellt „Keine Leiche ohne Lily“ unter Beweis. Im Kleinen Theater Essen feierte die sympathisch-freche Krimikomödie Premiere.

Ein Schock für die resolute Putzfrau Lily: Ihr Chef Richard Marshall hängt tot über seinem Schreibtisch. Dass der zur Hilfe eilende Inspektor Harry Baxter sich als ein alter Bekannter Lilys aus früheren Tagen entpuppt, heitert zumindest ihre Stimmung wieder auf. Harry dagegen plagt nicht nur ein Schnupfen, auch Lilys forsche Art kostet den bärbeißigen Ermittler einiges an Nerven. Da hilft es auch nicht gerade, dass zur Überraschung aller die Leiche plötzlich verschwunden ist.

Doch Baxter nimmt die Ermittlungen auf und die Gattin und Angestellten des offenbar eher unbeliebten Chefs genau unter die Lupe. Wie es sich für einen klassischen Krimi gehört, hätte jeder einen Grund gehabt, Marshall um die Ecke zu bringen – und wie um die Nerven des Inspektors weiter zu strapazieren, gibt Lily jedes Mal ihre eigenwilligen Einschätzung zum jeweiligen Zeugen zum Besten. Als Marshall plötzlich quicklebendig die Szenerie betritt, ist es allerdings um die Glaubwürdigkeit der Hobbyermittlerin geschehen. Doch auch als der Inspektor wutentbrannt abreist, gibt Lily noch lange nicht auf – denn eine weitere Leiche lässt nicht lange auf sich warten.

Jack Popplewells Erfolgsstück verknüpft elegant die Zutaten eines britischen „Whodunnit“-Krimis (Who has done it bzw. Wer hat es getan?) mit denen der Boulevardkomödie. Die Struktur liegt vor allem im ersten, die Stärken liegen im zweiten Bereich. Denn eine besonders intelligent-geschickte Lösung, wie sie eine Agatha Christie stets parat hatte, liefert Popplewell nicht, wenngleich er die Ermittler wie auch das Publikum ein ums andere Mal auf die falsche Fährte lockt.

Dafür lebt das Stück von der Gegensätzlichkeit der Protagonisten: Lilys muntere Herumplapperei steht im wunderbaren Kontrast zum brummigen Inspektor. Regisseurin Petra Broszeit räumt diesen Wortgefechten viel Platz ein und lässt dabei Monika Pischner als Lily viel Sympathien einfangen – doch auch Michael Lichers Inspektor möchte man am liebsten schützend in den Arm nehmen, so viel Mitleid hat man, wenn ihn Lilys Geplapper wieder an den Rand des Wahnsinns treibt.

Dagegen fällt es den Nebenfiguren nicht immer leicht, ihr eigenes Profil zu schärfen: Besonders gut gelingt dies Sandra Bienko als stets korrekte Chefsekretärin Marian Selby, die ihrem Vorgesetzten äußerst ergeben zu sein scheint.

Auch wenn die finalen Enthüllungen nicht unbedingt stets logisch nachvollziehbar blieben: Das Amateur-Ensemble hat das Stück vergnüglich wie kurzweilig umgesetzt.

von Gordon K. Strahl

 

Südanzeiger und Ruhrkurier - 11.01.2012 und am 14.01.2012

Keine Leiche ohne Lily: Ein bisschen Miss Marple, ein bisschen Heidi Kabel

 

Das kleine Theater | Ein bisschen „Tratsch im Treppenhaus“, ein bisschen „Vier Frauen und ein Mord“. Im neuen Kriminalstück „Keine Leiche ohne Lily“ im Kleinen Theater am Gänsemarkt (das Silvester seine Premiere feierte) sind einige Überraschungen zu erleben. Die Komödie stammt von Jack Poppelwell und wird vom Ensemble unter der Regie von Petra Broszeit mit viel Witz aufgeführt.

Monika Pischner in der Rolle der „Lily Piper“ ist perfekt ausgewählt. Man spürt ihre Begeisterung für die Rolle.

 

Dass sie dabei an die beliebte Volksschauspielerin Heidi Kabel erinnert, ist kein Zufall. Kabel selbst spielte diese Rolle zahlreiche Male in „ihrem“ Ohnsorg-Theater. Und auch ein kleines Abbild der neugierigen resoluten Miss Marple ist zu erkennen.


Man muss das Stück aufmerksam beobachten, um den vielen Verstrickungen folgen zu können. Aber auch auf einige Schreckmomente muss man gefasst sein, immer dann nämlich, wenn Inspektor Harry Baxter (gespielt von Michael Licher) mal wieder der Kragen platzt. Lily funkt ihm nämlich in seine Ermittlungsarbeiten hinein und weiß mehr Details, als dem Inspektor lieb ist. Natürlich gibt es eine Leiche. Und auch noch eine zweite. Eine von ihnen: James Cameron. Ob das der berühmte Hollywoodregisseur weiß?

 

von Michael Hoch