Theater Pur – Ausgabe 11/10

 

Alles nur Fassade

 

Das Kleine Theater Essen bringt „Alles im Garten“, Stück von Edward Albee

 

Regie: Ingo Scheuer

 

 

Es ist eines der kleinsten Theater in NRW. Meist spielt man Boulevard, ab und an nimm man sich auch der Probleme der Welt an. Diesmal fand man fast einen Zwischenweg mit Albees „Alles im Garten“.

 

Albee ist sicher einer der größten Kritiker des „American Way of Life“, in seinen Stücken der 50er und 60er Jahre geißelte er die amerikanische Lebensart. Er hielt seinen Landsleuten mehr als nur einmal den Spiegel vors Gesicht. Vielleicht „der“ Grund, warum der Autor in den 80er und 90er Jahren fast von der Bildfläche verschwunden war, bis er sich mit „Die Ziege oder Wer ist Sylvia?“ zurückmeldete. Mit „Alles im Garten“ verballhornt Albee ein amerikanisches Sprichwort. Da die Amerikaner zum größten Teil in Einfamilienhäusern leben, kommt dem Vorplatz des Hauses eine besondere Bedeutung zu. Also sagt man: „Alles im Garten ist nett und schön“, und mein damit nichts anderes als: „Alles in Ordnung, jedenfalls was die Fassade betrifft“.

 

Das Stück handelt vom Zusammenbruch dieser Oberfläche. Jenny und Richard streiten sich immer öfter ums Geld, was an allen Ecken und Kanten fehlt. Sohn Roger geht auf eine teure Privatschule und die Beiträge im Club, in dem Farbige und Juden ausgeschlossen sind, kosten. Auch sonst treibt das permanente Schielen auf die Nachbarn die Lebenshaltungskosten in die Höhe. Hinzu kommt noch die Wirtschaftskrise.

 

Plötzlich taucht eine Britin, Mrs. Toothe, bei Jenny auf und wirft sie im wörtlichen Sinn mit Geld zu. Sie solle als Callgirl arbeiten, damit käme sie spielend über die Runden. Erst wehrt sich Jenny, doch dann geht sie nachmittags ihrem neuen Job nach. Plötzlich kommt Geld anonym nach Hause, per Einschreiben aber ohne Absender, adressiert an Richard. Jenny braucht Überzeugungskraft um Richard davon abzuhalten, zur Polizei zu gehen. Doch als er sich gerade beruhigt hat, findet er im Haus Unmengen von Geld. Als er erfährt, wie seine Frau das Geld verdient hat, will er sie rauswerfen. Doch es werden Gäste erwartet, die nachbarlichen Freunde.

 

Zur Party taucht aber auch Mrs. Toothe auf, sie hatte Besuch von der Polizei und braucht nun einen neue Bleibe. Plötzlich stellt sich heraus, dass auch die Frauen der Freunde bei der gleichen Agentur arbeiten wie Jenny, und das mit Wissen der Männer: jede Frau eine Nutte, jeder Freund ein Lude. Plötzlich taucht Jack von nebenan auf. Mal wieder einen über den Durst getrunken, kommt er plötzlich der Sache auf die Spur. Die Männer wollen ihm eigentlich nur „das Maul stopfen“, doch sie ersticken ihn. Im Garten ist gerade ein passendes Loch, wo er seine letzte Ruhe findet. Jack, ohnehin der Erzähler im Stück, tritt nach seinem Tod noch mal auf. Er hat seinen Freunden Jenny und Richard sein ganzes Vermögen hinterlassen. Aber bis er für tot erklärt wird, werden sieben Jahre vergehen. Werden sie das schaffen?

 

Auch nach der Tat ist im Garten alles nett und schön. Die Inszenierung ist leicht und locker und geht mit viel Schwung ans Werk, die Darsteller überzeugen. Hier seien vor allem Petra Broszeit (Jenny) und Thomas Vogt (Richard) genannt, die sehr überzeugend die Situationen ausspielen. Einen besonderen Eindruck hinterlässt Edeltraud Renn als Mrs. Toothe mit einer guten Bühnenpräsenz. Leicht chargierend, mit guter Sprache, angelegt zwischen böse, komisch und gehässig. Das passt einfach. Eine Aufführung, die dem Kleinen Theater sicher einen Erfolg bescheren wird.

 

Von Rolf Finkelmeier

 

 

Stadtspiegel Essen - Ruhrkurier / Südanzeiger 02.10.2010

 

Zeigt her eure Gärten!

Kleines Theater präsentiert das Stück „Alles im Garten“

 

von Mareike Schulz

 

„Gärten, die man nicht pflegt, wenn die Menschen sie verwildern lassen, dann weiß man, dass mit dem Haus was nicht stimmt“, zieht Jenny am Ende von „Alles im Garten“ ein ernüchterndes Fazit. Umjubelt war die Premiere im Kleinen Theater am Gänsemarkt am letzten Wochenende.

 

Feiern konnte die Crew von Kleinen Theater am Wochenende – eine gelungene Premiere natürlich! Feiern, das konnten Jenny und Richard, die Protagonisten in Edward Albees rabenschwarzer Komödie „Alles im Garten“ schon lange nicht mehr. So leben wie die anderen wollen sie. Doch durch die Finanzkrise reicht das Geld vorne und hinten nicht. Das pikante Jobangebot von Mrs. Toothe nimmt Jenny schließlich aus Verzweiflung an.

 

Starker Tobak ist die neueste Inszenierung von Regisseur Ingo Scheuer. Mit rabenschwarzem Humor hat er in Albees äußerst aktuellem Stück die menschlichen Abgründe aufgedeckt. Denn in der kleinen amerikanischen Siedlung ist nichts so, wie es auf den ersten Blick scheint. Doch zum Glück ist der Garten von Jenny und Richard alles andere als verwildert – es gilt eben, den Schein zu wahren. Scheuer ist unterhaltsam, komisch, zum Teil überspitzt – es fehlt aber nicht an der nötigen Ernsthaftigkeit und Dramatik, so dass die einzelnen Schicksale glaubhaft bleiben. Authentisch macht aber nicht Scheuer allein die Neuproduktion, auch wenn er selbst als Jack auf der Bühne zu Höchstform aufläuft. Ob lallend, mahnend, witzelnd oder in Zwiesprache mit dem Publikum: Ingo Scheuer liebt und lebt seine Rolle – das sieht man!

 

Als Jenny verzaubert Petra Broszeit die Zuschauer. Liebend und zweifelnd, aber auch energisch und provozierend – Jenny durchläuft viele Gefühlsebenen. Petra Broszeit zeigt einmal mehr ihre Professionalität auf der Bühne. Authentisch ist ihre Wandlung vom Hausmütterchen zur aufreizenden Gastgeberin durchweg. Nicht minder an eine wilde Achterbahnfahrt erinnert die Gefühlswelt von Thomas Vogt, der Richard mimt. Aufbrausend ist nicht nur Richard, sondern Vogt selbst, der auf der Bühne wie entfesselt wirkt und auch Sebastian Purho am Nachmittag der Vorpremiere ansteckt. Lautstark widerspricht der junge Mime seinem „Vater“, denn brillant verkörpert Purho Roger, den Sohn des Hauses. Mal wieder erobert Edeltraud Renn in „Alles im Garten“ die Herzen des Publikums. Denn frischen Wind bringt sie mit ihrer Figur Mrs. Toothe ins Kleine Theater, die sie äußerst resolut und schlagfertig gibt. Sie ist es am Ende auch, die die Fassaden auf der großen Gartenparty bröckeln lässt.

 

Wer sich die rabenschwarze Geschichte, nach der man die eigenen Nachbarn mit anderen Augen sieht, nicht entgehen lassen möchte: Der Vorhang hebt sich am Gänsemarkt 42 wieder am 2., 22. und 30. Oktober! Karten-Tel.: 0201/52 098 52.

 

 

WAZ / NRZ am 27.09.2010

Hausfrauenreport amerikanisch

Das Kleine Theater am Gänsemarkt spielt Alles im Garten von Edward Albee.

Ob die Leiche nun im sprichwörtlichen Keller oder wie bei Edward Albee im Garten liegt, ist eigentlich gleichgültig. Jedenfalls hat „Das Kleine Theater“ mit „Alles im Garten“ eine bitterböse - wenn auch streng betrachtet nicht die pfiffigste - Albee-Komödie ausgegraben, die Theaterchef Ingo Scheuer jetzt typisch turbulent in Szene setzte.

Dabei hat das 1967 in New York uraufgeführte Stück wenig von seiner Aktualität eingebüßt. Worum es sich im Wohnzimmer einer mit Mühe den Mittelklasse-Status präsentierenden Kleinfamilie dreht, ist eben Geld. Und die Frage, wie viel man davon braucht, um so gerade noch „dabei sein“ zu können. Dabei lieben sich Richard - leicht griesgrämig-nörgelnd mit sonorem Bass gespielt von Thomas Vogt - und die selbstbewusste Jenny (Petra Broszeit) wirklich. Eigentlich wollen sie das Status-Spiel der oberflächlichen Nachbarschaft auch gar nicht mitspielen. Aber da muss nur jemand - in diesem Fall die halbseidene Mrs. Toothe - hereinplatzen und beinahe faustisch mit Geldbündeln winken, schon sinkt Jenny dahin und verdingt sich bei der geschäftstüchtigen Alten, die Edeltraud Renn ebenso resolut wie kauzig gibt.

Der Rest ist wie die amerikanische Variante von „Hausfrauenreport“. Damen mit Tagesfreizeit im Ganzkörpereinsatz. Aber: Man ist plötzlich wer. Man spielt richtig mit in der Mittelklasse. Warum auch nicht, denkt sich da Jenny. Nur Gatte Richard flippt aus, als er erfährt, woher das viele Geld stammt. Als sich herausstellt, dass die halbe ehrbare Nachbarschaft mit Wissen der Ehemänner mit der Toothe gut im Geschäft ist, geht es nur noch darum, nach außen dicht zu halten. Was zählt ist die Fassade, die Statussymbole schützt. Wer jenseits des Zirkels die Wahrheit kennt, kommt in den Garten. Gras drüber . . .

Dies alles liefert keine neuen Erkenntnisse, mit dem schrillen Typenspektrum auf der kompakten Bühne am Gänsemarkt aber gute Unterhaltung.
 

von Dirk Aschendorf