WAZ Essen, 06.01.2008

"Ganze Kerle" mit falschen Wimpern

Besonders die grandiosen Schauspieler bescheren dem Publikum im Kleinen Theater einen unterhaltsamen Abend im beinahe privaten Rahmen

 

Ein echter Kerl weiß: Eine Frau zu sein ist nicht schwierig: "Perücke auf, ein bisschen Zeug ins Gesicht - fertig!" Deshalb beschließen vier Angestellte eines kanadischen Paketdienstes, eine Travestie-Show auf die Beine zu stellen, um der Tochter ihres Chefs eine teure Augen-Operation zu finanzieren.

 

Doch schnell müssen die Männer, die sonst gerne im Pub ein Bierchen trinken und um den Titel des schnellsten Fahrers des Monats konkurrieren, erfahren: Die ersten Gehversuche in Pumps können schmerzhaft enden. Einzig der junge Mexikaner Manuel (Sebastian Rennert) zeigt ein wenig Talent.

 

Letzte Chance für den unbegabten Haufen: Ein Trainer muss her, der dem pummeligen Muttersöhnchen Sam (Michael Licher), dem schlaksigen Pubgänger Paul (Dirk Czora) und dem gutmütigen George (Thomas Vogt) einen ordentlichen Hüftschwung beibringt. Hilfe kommt dabei von unerwarteter Seite: Sams Mutter Elaine (Margareta Waterkamp) erwischt ihren Sohn bei der Probe im rosa Glitzerfummel - und entpuppt sich als moderne Frau von Welt: Sie nimmt die Jungs unter ihre Fittiche und zeigt ihnen, was eine echte Diva ist. Unter Elaines wachsamen Augen und ihrem resoluten Regiment schafft es die bunte Truppe, eine glamouröse Travestieshow auf die Beine zu stellen und sogar ihren strengen Boss zum Mitmachen zu animieren.

 

Kerry Renards Komödie "Ganze Kerle" lebt von ihren brillanten Schauspielern, die im "Kleinen Theater" am Gänsemarkt eine energiegeladene und witzige Vorstellung abliefern, bei der das Publikum nicht selten Tränen lacht. In der intimen Wohnzimmer-Atmosphäre - das Theater fasst gerade mal knapp über vierzig Zuschauer - ist man so nah dran, dass man den Lippenstift auf den Zähnen der Hobby-Primadonnen sehen kann.

 

Besonders Elaine und Sam als ungleiches Mutter-Sohn-Gespann haben stets die Lacher auf ihrer Seite und am Ende glitzern beide auf der Bühne um die Wette. "Ganze Kerle" spielt mit Geschlechterklischees, lässt auch kleine Seitenhiebe auf die Politik nicht aus. Besonders die grandiosen Schauspieler bescheren dem Publikum einen unterhaltsamen Theaterabend im beinahe privaten Rahmen.

 

von Berit Hullmann

 

 

NRZ Essen, 06.01.2008

Männer in schrillen Röcken

Das "Kleine Theater" zeigt im Stück "Ganze Kerle" was passiert, wenn vier Arbeiter auf ungewöhliche Weise versuchen, ihrem Chef finanziell unter die Arme zu greifen.

 

Unterschiedlicher können die Mannen des Paketzustellerdienstes aus Kanada kaum sein: Da ist der trinkfreudige Paul, der anscheinend schwule Manuel und der ordnungsliebende und mitdenkende George. Nicht zu vergessen: Sam, das pummelige Muttersöhnchen, das im Verlauf des Stückes zum Publikumsliebling wird. Kurzum: Jeder ist im "Kleinen Theater" auf seine Weise ein "Ganzer Kerl" und möchte dem Chef helfen, eine teure Operation für seine schwerkranke Tochter zu finanzieren. Ein kurzer Blick in die Kaffeekasse genügt, um festzustellen: Hier müssen andere Einnahmequellen her. Manuel, der auch in einer Schwulen-Bar tanzt, hat schließlich die Idee, mit einer Travestie-Show an Geld zu kommen. Die Komödie (von Kerry Renard), die Regisseur Ingo Scheuer geschickt auf die kleine Bühne setzt, kann beginnen.

 

Das Leben einer Frau ist gar nicht so einfach. Doch alle merken schnell: Es ist nicht leicht, "Frau" zu sein. Wie trägt man Schuhe mit Absatz, welches Kleid passt zur Figur und wie schminkt man sich mit einem Kajalstift? Fragen über Fragen, bei denen nur Sams Mutter helfen kann: Eine flippige Person, die schon manches Altenheim auf Trab gebracht hat. Ihr fällt es nicht schwer, aus den grobmotorischen Kerlen richtige Travestiekünstler zu machen, und auch der leicht korpulente Sam (gekonnt tolpatschig: Michael Licher) holt alles aus sich raus. Sehr zur Freude des Publikums.

 

Bis plötzlich der Chef auftaucht und sich beim Anblick seiner Mitarbeiter in Frauenkleidern ziemlich erschreckt und eine dicke Überraschung präsentiert. . . Der Höhepunkt des Abends ist zugleich der Schlusspunkt: Die Travestie-Show beginnt und endlich können die Männer ihre Solonummern, ihre bunten Kostüme und insgesamt ihre weibliche Seite zeigen. Was das Publikum mit großem Gelächter und viel Beifall belohnt.

 

von Sebastian Auer

 

 

Südanzeiger Essen vom 12.01.2008

 

„Ganze Kerle“ im Kleinen Theater“

Kleines Theater Essen startet schrill ins neue Jahr

 

Aus George wird Georgette, aus Sam wird Samantha. Paul verwandelt sich in Paula und Manuel tanzt und singt als Manuela. Die Komödie „Ganze Kerle“ von Kerry Renard bereichert seit der Jahreswende den Spielplan des Kleinen Theaters Essen, Gänsemarkt 42.

 

Die drei mal fünft Meter „kleine“ Bühne des 1065 gegründeten Theaters erstrahlt gegen Ende in schillernden Farben. Und so schillernd und schrill wie das Bühnenbild (Ingo Scheuer) sind auch die Kostüme (Gitta Keller) der vier Hauptdarsteller Michael Licher (Sam Knoxville), Thomas Vogt (George Mc Gregor), Dirk Czora (Paul Rowlands) und Sebastian Rennert (Manuel Rodriguez). Endlich wird das lang gehegte Vorhaben in die Tat umgesetzt: Die Travestieshow, die zunächst das Geld für die wichtige Augenoperation der kranken Tochter ihres Chefs gedacht war, kann beginnen. Laufen können die Vier, dank der Hilfe von Sams Mutter Elaine, nun auch auf ihre High-Heels und auch die glänzenden Abendkleider tragen sie mit Stolz.

 

Doch auf den Anfang zurück: Eigentlich sind Sam, George, Paul und Manuel Angestellte eines kanadischen Paketdienstes. Vor dem Weihnachtsfest ist viel zu tun, doch sie kommen hinter das Geheimnis ihres Chefs – meinen sie. Helfen wollen sie der Familie, die scheinbar ein großes Schicksal zu tragen hat. Eine Travestieshow soll die benötigten 20.000 Dollar einbringen. Hiefür wagen sich Sam, George, Paul und Manuel auf hohe Absätze und in bunte Frauenkleider. Doch hier lässt ihr Geschmack stark zu wünschen übrig. Zum Glück eilt Sams jung gebliebene Mutter Elaine (Margareta Waterkamp) zu Hilfe. Das Paketlager soll in ein Theater verwandelt werden, alle Plätze sind ausverkauft und der Chef (Lothar Maier) ist zum Glück im Winterurlaub – denken die Vier. Als Niederlassungsleiter Frank Collins jedoch in die Generalprobe platzt, scheint das große Vorhaben zunächst gescheitert. Doch nach vielen Irrungen und Wirrungen hebt sich der Vorhang am Ende doch.

 

Die Essener Inszenierung sorgt für Gags am laufenden Band. Ingo Scheuer inszeniert die Renard-Komödie mit viele Liebe fürs Detail und aufgelockert werden die – ohnehin schon amüsanten Dialoge – an vielen Stellen allein durch die Gestik und Mimik der Schauspieler. Letztere geben in dieser Komödie wahrlich ihr letztes Hemd und überzeugen auch dann, wenn ihre weiblichen Seiten von ihnen Besitz ergreifen.

 

Von „maschu“

 

Magazin Exit vom Februar 2008

 

„Ganze Kerle in Essen“

Gelungenes Amüsierstück im kleinsten Theater der Stadt. Engagiert und auf den Punkt gebracht zeigen sich die Darsteller von der besten Seite

 

Spaßig wird es zur Zeit in Essen. Das Ensemble präsentierte erstmals zu Silvester seine Produktion "Ganze Kerle" und überzeugte mit einer klaren Inszenierung und einer Extraportion Spielfreude. Die Story der Paketdienstboten, die der Tochter ihres Chefs eine teure Operation Mithilfe einer eigenen Travestieshow finanzieren wollen, bei der sie selber erstmals in Damenrollen schlüpfen müssen, erinnert entfernt an "Ladies Night". Und wie in jenem Stück haben es Sam (Michael Licher), George (Thomas Vogt), Paul (Dirk Czora) und Manuel (Sebastian Rennert) auch hier alles andere als leicht. Lustig wird es immer dann, wenn es gilt, für die Proben die üblichen männlichen Konventionen über Bord werfen zu müssen. Und wenn es ums weibliche Aussehen und die zu probende Show geht, ist der Rollenwechsel nicht ohne Hilfe von Elaine (Margareta Waterkamp) zu meistern. Mit ihrer Hilfe finden die Darsteller dieser Komödie von Kerry Renard so nach und nach die perfekte Diva in sich und für ihre Rolle. Kurz vor der Premiere taucht dann doch ihr Chef verfrüht, in der hauseigenen Probenbühne, die eigentlich die betriebseigene Lagerhalle ist, auf und wirbelt die schräge Lachnummer erneut auf. Ein gelungener Spaß mit viel Herz, der trotz wenig Ausstattung und integrierter Travestie-Show zum abendfüllenden Happening wird.

 

Von D. Detmers