Stadtspiegel - 15.04.2015

 

Wer ist nur die "Falsche Schlange"?

Kleines Theater Essen zeigt Ayckbourn-Psychothriller

Annabel Chester ist wieder daheim. Der Anlass ist ein trauriger. Ihr Vater ist tot. Kaum zu Hause, da kommt auch schon Besuch. Erwartet hatte die Geschäftsfrau ihre jüngere Schwester Miriam, die den Vater aufopferungsvoll gepflegt hat. Im Wintergarten steht aber Alice Moody, die ehemalige Pflegerin des Hausherrn. Sie behauptet Miriam hätte den Vater umgebracht und verlangt 100.000 Pfund für ihr Schweigen.

Zur Jubiläumsspielzeit „50 Jahre Das Kleine Theater Essen“ bringt die kleine Bühne, Gänsemarkt 42, erneut das Kriminalstück „Falsche Schlange“ von Alan Ayckbourn zur Aufführung. Birgit Wendt (Alice Moody), Iris Wendel (Annabel Chester) und eine überragende Barbara Winter (Miriam Chester) sind die Originalbesetzung und legen erneut viel Spielfreude an den Tag und fesseln das Publikum. Miriam gibt offen zu, den Vater ermordet zu haben. Den Mörder des Stückes muss also niemand mehr suchen.

Was sich dann aber aufbaut, ist Spannung pur - denn das Warum bleibt im Raum stehen. Die Schwestern könnten unterschiedlicher nicht sein und jede Szene wirft mehr Fragen auf. Wer ist bloß die „Falsche Schlange“? Gegen die Erpressung von Moody machen die Schwestern gemeinsam mobil. Doch je länger sie zusammen sind, umso heftiger bröckelt ihre jeweilige Fassade. Sie gestehen sich ihre Ängste ein und Miriam stellt trocken fest: „Nur denen, die man liebt, tut man weh“. Schicht für Schicht kommt mehr vom wahren Charakter ans Licht. Immer wieder dreht sich das Blatt und am Ende ist plötzlich alles ganz anders.

Großartiges Schauspiel-Trio!

Barbara Winter gelingt es durch den Wechsel von lautem, leisen und schier hysterischem Spiel, die Spannung nicht nur einmal auf den Höhepunkt zu treiben. Iris Wendel begeistert mit authentischem Spiel und großartiger Mimik. Umjubelt war die Premiere am vergangenen Freitag, denn Regisseurin Petra Broszeit hat eine packende Inszenierung abgeliefert, gespickt mit schwarzem Humor, die beste Unterhaltung verspricht.

von Mareike Schulz

 

WAZ / NRZ Essen - 20.04.2015

 

Kritik: „Falsche Schlangen“ im Kleinen Theater am Gänsemarkt

Mit einem spannenden Kammerspiel des britischen Vielschreibers Alan Ayckbourn hat das Kleine Theater am Gänsemarkt Premiere gefeiert: „Falsche Schlange” bietet routinierte Krimikost mit einer dreifachen Prise Zickenkrieg.Der Tod ihres Vaters bringt die herzkranke Annabel zurück ins Elternhaus. Die Freude, ihre Schwester Miriam wiederzusehen, die sich bis zuletzt um den Vater gekümmert hat, wird jedoch bald getrübt: Denn die ehemalige Pflegerin Alice taucht auf und beschuldigt Miriam, den Vater umgebracht zu haben. Ein Brief des Vaters soll die Tat belegen. Da Miriam beinahe mittellos ist, verlangt Alice für ihr Schweigen 100 000 Euro von Annabel. Ayckbourn versteht sein Handwerk: Er würzt sein, im Garten des Elternhauses angelegtes, Verwirrspiel mit schwarzem Humor, einer Prise Küchenpsychologie und der einen oder anderen Wendung.

Regisseurin Petra Broszeit konzentriert sich dabei vor allem auf das Psychospiel zwischen den Schwestern: Barbara Winter lässt ihre Miriam zwischen gefährlichem Wahn und kindlicher Naivität pendeln. Den passenden Kontrast dazu bietet Iris Wendel, die Annabels Fassade als reife, aufgeklärte Frau spürbar bröckeln lässt. Kalt berechnend und unnahbar wirkt Birgit Wendt als Alice Moody. Wenngleich sich die Pointe schon früh ankündigt, macht es Spaß, dem Trio zuzuschauen.

von Gordon K. Strahl