WAZ / NRZ Essen - 13.01.2016

 

Schräge Sippe untern schiefen Dach

Als Avery Sutton nach einem achtjährigen Aufenthalt in Europa in die US-Heimat zurückkehrt, um seine Verlobte der Familie vorzustellen, traut er seinen Augen nicht: Nicht nur steht das Haus schief. Auch Mutter, Tante, Großmutter und Vater scheinen im wahrsten Sinne des Wortes verrückt geworden zu sein. Die neue Komödie „37 Ansichtskarten”, die seit Silvester im Kleinen Theater am Gänsemarkt zu sehen ist, vermeidet es jedoch, sich über die Familie lustig zu machen: Vielmehr vermittelt sie mit warmherzigem Humor, wie wichtig es ist, in schwierigen Zeiten zusammenzustehen.

Wer eine Schenkelklopfer-Komödie erwartet, sollte vielleicht einen Bogen um das Stück machen. Denn auch wenn das Familienchaos aus der Feder von Michael McKeever manchen Lacher bereithält, fokussiert es sich doch mehr auf Charakterzeichnung als auf pure Pointen und hinterfragt, was Familien trotz allen Drangs zum Individualismus eigentlich zusammenhält.

Papa hat nur Golfspielen im Kopf

Dieser Drang ist bei den Suttons nämlich auf die Spitze getrieben, denn alle Beteiligten leben zwar unter einem – schiefen – Dach, jedoch auch jeweils in ihrer ganz eigenen Welt. Mutter Evelyn etwa ist ständig verwirrt, Vater Stanford hat Tag und Nacht nur sein Golfspiel im Kopf, Tante Esther muss so ziemlich alles erotisieren und die Großmutter, die jeder für tot hält, ist quicklebendig und zieht jeden beleidigend durchs Haus.

Während Averys Verlobte Gillian zunehmend an den Macken der Suttons verzweifelt, versucht Avery herauszufinden, was hinter dem seltsamen Verhalten seiner schrägen Familie steckt. Dabei merkt er zusehends, wie sehr er ein Teil dieser Horde von sympathischen Verrückten sein will.

Regisseur Ingo Scheuer hat das Stück stark besetzt: Wenngleich die Truppe, wie im Haus üblich, aus Amateurdarstellern besteht, schaffen die Akteure es, ihren Rollen Tiefe zu verleihen. Besonders Frank Tengler als zurückgekehrter Sohn kann viele Facetten abrufen und beweist Talent dafür, Komik und Tragik zu vereinen. Sympathiepunkte erntet Simone Schneider mit ihrem Bühnendebüt als Granny: In beeindruckender Maske und mit viel Elan spielt sie sich wie ein Rohrspatz schimpfend in die Herzen der Zuschauer.

Zwei spannende Stunden, die viel britischen Humor, aber auch einige überraschende Wendungen zu bieten haben.

von Gordon K. Strahl

 

Stadtspiegel - 06.01.2016

Ganz schön schräg

Das Kleine Theater Essen startet mit der schwarzen Komödie „37 Ansichtskarten“ ins Jahr

 

Eine wahre Gefühlsachterbahnfahrt erwartet die Zuschauer von „37 Ansichtskarten“ im Kleinen Theater Essen (KTE) am Gänsemarkt 42. Nicht oft liegen Lachen und Weinen so nah beieinander. Avery Sutton kehrt frischverlobt nach langer Reise in sein Elternhaus zurück. Die Familie, die ihn hier erwartet ist allerdings mehr als skurril geworden...

 

Das ist wirklich schräg! Nicht nur der Humor und die Figuren, nein, auch die Bühne hat es in sich, denn Avery Sutton (Frank Tengler) stellt bei seiner Ankunft fest: „Das Haus ist schräg.“ Aufgefallen ist das den Bewohnern nicht. Wie auch! Sie alle leben in ihrer ganz eigenen Welt...

 

Von Szene zu Szene wird es für den Sohn des Hauses, seine Verlobte und das Publikum immer skurriler. Da wären Averys Mutter Evelyn (Gisela Erler), sein Vater Stanford (Stephan Pfeiffer in Topform), seine Tante Esther (Sandra Bienko) und Granny (Anja Funk). Letztgenannte hält man im Hause Sutton für tot, doch laut polternd, einen Fremden namens Frank suchend und mit deftigen Beschimpfungen hat die alte Dame, die Anja Funk überragend mimt, mehr als einen Auftritt. Schauspielerisch kann da nur Sandra Bienkomithalten, die mit ihrem flotten Spiel und einer einmaligen Gestik begeistert.

 

Toll und vor allem authentisch ist auch die Leistung von Frank Tengler, mit dem man einfach mitleiden muss. Nicole Bloch gibt eine energische und doch herzliche Verlobte Gillian, die zwar eine nicht ganz normale Familie erwartet hat, aber ganz schön viel einstecken muss. Mutter Evelyn hält sie stets für das Hausmädchen und Granny beschimpft sie.

 

Mit ihrem Wutausbruch („Die gehören alle ins Heim!“) und Averys Erkenntnis, dass jedes Familienmitglied auf seine Art mit dem Schicksal der Familie hadert, findet die schwarze Komödie von Michael McKeever ihren Höhepunkt. Ja, die bittere Realität blenden sie alle aus: Tante Esther mit einem besonderen Telefonservice für Senioren, Granny mit ihrem Frank und den härteren Tropfen in der Speisekammer, Vater Stanford mit nächtlichem Golfen und Mutter mit den 37 Ansichtskarten.

 

Avery findet schließlich die Hoffnung wieder, seinen Lieben dabei helfen zu können auch mit den dunklen Seiten des Lebens umzugehen und kann damit nicht nur das Haus aus seiner schrägen Lage befreien.

 

„37 Ansichtskarten“ ist ein besonderes Stück und passt perfekt ins Repertoire der kleinen Bühne am Gänsemarkt.

 

Regisseur Ingo Scheuer ist wieder ein Meisterstreich - nicht nur mit seiner schrägen Bühne - gelungen. Das ist beste Unterhaltung!

 

von Mareike Schulz