WAZ / NRZ Essen - 07.10.2013

 

Fünf Frauen und ein Todesfall

Krimizeit im Kleinen Theater am Gänsemarkt: Edeltraud Renn gibt ihr Regiedebüt mit einem Stück, das nicht nur den Inspektor vor große Herausforderungen stellt; „Fünf Frauen und ein Mord“ ist voller Humor und Tücken, Finten und Finessen.

Bisher ist Edeltraud Renn Essener Theatergängern vor allem als Spezialistin für komisch-kauzige Rollen im Theater Courage oder im Kleinen Theater am Gänsemarkt bekannt. Eben dort hat sie nun erstmals auch auf dem Regiestuhl Platz genommen, um mit „5 Frauen und ein Mord“ einen britischen Krimi in Szene zu setzen, wie er klassischer kaum sein könnte.

Der Hausmeister überlebt's nicht

Die erste Szene führt gleich mitten ins Geschehen: Inspektor Edward Hollister befragt in einem abgelegenen Anwesen die Gesellschafterin Miss Rathow. Diese soll versehentlich den Hausmeister Malcolm die Treppe hinuntergeschubst haben, was der nicht überlebt hat. Doch schnell wachsen dem findigen Inspektor Zweifel an der Version der Dame. Diese zerstreuen sich nicht, als er die übrigen Frauen des Hauses zu dem Fall befragt. Bald verstricken sich die kaltherzige Hausherrin Mrs.Heartstone, ihre leicht verrückte Tochter Jane, die resolute Hausherrin Mrs.Worthing und das unterbelichtete Dienstmädchen Ruby in Widersprüche. Bald wird klar: Jede hatte eine besondere Beziehung zu dem Opfer – und jede hat etwas zu verbergen. Hollisters Verwirrung nimmt zu: War es ein Unfall, ein Mord, oder war Malcolm vielleicht Opfer des Geistes des kürzlich verstorbenen Hausherren?

Die 1889 geborene Autorin Gladys Heppleworth gehört nicht gerade zu den bekanntesten Vertreterinnen ihres Fachs. Dabei muss sich ihr 2008 in Deutschland uraufgeführtes Stück gar nicht hinter ähnlich aufgebauten viktorianischen Kriminalwerken wie von Agatha Christie verbergen. Die wortreichen Dialoge stecken voller Finten und Finessen, ohne dabei auszuufern.

Edeltraud Renn bleibt in ihrer Inszenierung nah an der Vorlage, erlaubt sich kaum inszenatorische Sperenzchen und lässt ganz einfach ihr Laienensemble glänzen. So kommt Stephan Pfeiffer in seiner unerschütterlichen Unbeirrbarkeit schon fast einem Derrick nahe. Barbara Winters Gesellschafterin wirkt sympathisch, aber undurchschaubar. Birgit Daniel meistert den augenzwinkernden Mix aus Arroganz und Noblesse der Hausherrin ebenso, wie es Stefanie Brosch versteht, Rubys Naivität herzzerreißend darzustellen. Umso stärker wirkt die Strenge, die Daniela Hesse in die Haushälterin hineinlegt. Und Svenja Müller als Jane schafft den Spagat zwischen Verrücktheit und Verführungsqualitäten.

Zwei spannende Stunden, die viel britischen Humor, aber auch einige überraschende Wendungen zu bieten haben.

von Gordon K. Strahl

 

Stadtspiegel - 12.10.2013

Mehr Schein als Sein

„5 Frauen und ein Mord“ im KTE

 

Der neueste Coup des Kleinen Theater Essen ist ein echter Krimi – Spannung bis zum Ende garantiert. Verantwortlich zeichnet Edeltraud Renn, die mit „5 Frauen und ein Mord“ ein beachtliches Regiedebut gibt. Doch nicht nur ihre Leistung (inkl. Ausstattung und Bühnenbild) ist bemerkenswert – auch die Schauspieler überzeugen auf ganzer Linie.

 

Auf dem Anwesen der Familie Heartstone stirbt ein Mann durch einen Treppensturz. Inspector Hollister ermittelt und bekommt von den Damen des Hauses eine (Lügen-)Geschichte nach der anderen aufgetischt. Mit viel Portwein und feinsinnigem Gespür ermittelt Hollister und findet am Ende die Wahrheit – auch wenn die viele Gesichter hat.

 

Der Zuschauer muss beim Kriminalfall nach einer Novelle von Gladys Heppleworth kräftig miträtseln. Im zweiten Akt erreicht die Spannungskurve ihren Höhepunkt und es heißt für den Zuschauer: Jetzt müssen Sie sich entscheiden! Wer ist wohl verantwortlich für den Treppensturz und somit die Mörderin? Mrs. Heartstone, die strenge Hausherrin? Mrs. Worthing, die herrische Haushälterin? Jane, die kindlich naive Tochter des Hauses? Vera, die unnahbare Gesellschafterin mit dunklem Geheimnis oder gar Ruby, das eher geistig umnachtete Dienstmädchen? Soviel sei verraten: Mehr als überraschend ist die Wahrheit!

 

Das Ensemble besticht durch überragendes Spiel – allen voran Steffi Brosch, die eine zauberhafte Ruby mimt und für beste Unterhaltung sorgt. Barbara Winter (Vera) lebt ihre Rolle und zeigt authentische Gefühlsausbrüche (mit echten Tränen!). Daniela Hesse (Mrs. Worthing) und Svenja Müller (Jane) begeistern mit nahezu perfektem Spiel und Birgit Daniel (Mrs. Heartstone) verleiht der herrischen Hausdame eine wunderbare komische Seite. Bei der Aufklärung des mysteriösen Mordfalls ist vor allem einer gefragt: Inspector Hollister, den Stephan Pfeiffer mimt. Ihm schaut man gerne zu, denn er spielt nicht nur, sondern geht in seiner Rolle auf. Fantastisch!

 

von Mareike Schulz